Seit Jahrzehnten machen sich Eishockey-Begeisterte darüber Gedanken, worin das Geheimnis eines erfolgreichen Spiels liegt. Hier ein paar Kostproben: „Immerwährende Schaffung einer Überzahl auf einem Teil des Feldes. Dies erfordert Willen, Können, Kraft und Hirn.“ „Die Frage ist: Wie erleichtere ich meinem Partner das Spiel?“ „Eishockey ist ein Spiel und es sollte, wie jedes Spiel, mit Witz und Überlegung gespielt werden!“ „Ein guter Pass ist schneller als der schnellste Spieler. Er kommt erst, wenn mein Mitspieler mich sieht. Und er ist erst dann gut, wenn er in den Raum kommt, denn ich durch Bewegung für mich frei gehalten habe.“
Ohne auf den tieferen Sinn einzugehen, der hinter den Gedanken steckt, lässt sich eines festhalten: Die zielgerichtete Entwicklung der kognitiven und motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten des Spielers sind die Grundlagen des Erfolgs. Der berühmte Coach Viktor Tichonov lehrte seine Puckjäger zunächst Basketball, damit sie bestimmte Bewegungs- und mentale Abläufe verinnerlichen, und übertrug dann die Spielzüge auf das Eis. Dies und das tausendfach geübte Kombinationsspiel machten das Eishockey zur Kunst und zu einem Erlebnis für Zuschauer und Spieler.
Um im schnellsten Spiel der Welt erfolgreich zu sein, haben insbesondere Trainer, Sportmediziner und Sportwissenschaftler der traditionell starken Eishockey-Nationen das Spiel schon lange in Einzelteile zerpflückt und analysiert. Jedoch gibt es einen Bereich, dem bis dato nur ungenügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde – Entwicklung der Körperkoordination, und zwar ab dem Anfänger-Alter.
Dies mag daran liegen, dass in den führenden Eishockey-Ländern genügende Anzahl an Kindern im Alter zwischen vier und sechs Jahren Eishockey spielen wollen, aus der wiederum ausreichend viele zur Auswahl stehen, deren Körperkoordination bereits vor Beginn ihrer Beschäftigung mit Eishockey weit genug entwickelt ist. Für Länder wie Deutschland, wo das Eishockey im Sportarten-Rating nicht unbedingt ganz oben steht, ist die Beschäftigung mit dem Thema Körperkoordination im Eishockey von grundlegender Bedeutung.
Die Fortbewegung auf Kufen stellt an jeden Menschen, und insbesondere an Kinder, ungewohnte koordinative Anforderungen dar. Ohne entsprechende Vorbereitung ist der menschliche Organismus nur eingeschränkt in der Lage, diese zu erfüllen. Macht man den Schritt vom
reinen Schlittschuhlauf zum Eishockey, so erhöht sich die Vielfalt und Komplexität dieser Anforderungen rapide. Hinzu kommt, dass der Spieler seinen Körper in einer Spielhaltung zu bringen hat, die es ihm erlaubt, sich auf dem Eis stabil und kontrolliert zu bewegen, rationale Voraussetzungen für das schnelle Abstoßen, Beschleunigen, Gleiten oder Bremsen zu schaffen, und jederzeit einen ausreichend guten Feldüberblick zu behalten. Das Ganze wird noch durch die einhergehende Bearbeitung des Pucks sowie die Anwesenheit von Gegenspielern und den störenden Körperkontakt mit diesen erschwert. Dies alles verlangt nach hohem Grad der Entwicklung koordinativer Fähig- und Fertigkeiten, die im Spiel gezielt einzusetzen und die Grundlagen für die technisch-taktischen Aktionen des Sportlers sind.
Ziel der Spieler-Ausbildung ist somit unter anderem eine möglichst breite Palette an automatisierten Bewegungsabläufen. So basiert jede zu erlernende Bewegung auf einem bereits abgespeicherten motorischen Zusammenhang, der mit neuen Aspekten in eine spezifische Verbindung tritt und bei genügender Anzahl der Wiederholungen der neuen Bewegung ein neues höherwertiges Bewegungsmuster hervorbringt. Korrekt ausgeführte und durch Wiederholungen abgespeicherte und somit automatisierte Bewegungsmuster sind von grundlegender Bedeutung für weitere erfolgreiche Ausbildung des Spielers.
Für gewöhnlich kommen beim Erlernen einer neuer Bewegung irrational viele Muskeln zum Einsatz. Manchmal ist gar der ganze Körper angespannt. Der Energieverbrauch und der mentale Aufwand zwecks Kontrolle des Bewegungsablaufs sind sehr hoch.
Mit zunehmendem Grad der Automatisierung einer Bewegung ist immer weniger Muskelkraft erforderlich: Beim Abruf der automatisierten Bewegungsmuster werden automatisch nur die für die Ausführung notwendigen Muskelpartien beansprucht. Die Bewegungskontrolle läuft
ebenfalls immer automatisierter ab, und der Spieler kann sich immer mehr auf andere Dinge konzentrieren, wie die Vorgänge auf dem Spielfeld.
Aufgrund des derart erreichten sparsamen Energieverbrauchs und „freien Kopfs“ ist der Spieler nun in der Lage, seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit Sachen wie Strategie, Taktik, technische Finessen und Spielwitz zu widmen. Grundlagen für eine solche Entwicklung werden wiederum im frühen Kindesalter geschaffen, indem man dem Kind möglichst viele Bewegungsangebote unterbreitet. Übungen, wie sie zum Teil auf der EHC 80-Internetseite unter Wissen&Können gezeigt werden, stellen einige wenige Beispiele für derartige Angebote dar. Mit dem Kennenlernen des eigenen Körpers und der Selbsterfahrung aus jeglichen Bewegungskonstellationen ist das spätere Erlernen und Einprägen geforderter Bewegungsabläufe überhaupt erst möglich.
Eishockey ist in Sachen Körperkoordination und motorisches Lernen eine der schwierigsten Mannschaftssportarten. Nur sehr wenige Spieler erreichen das theoretische Optimum. Jedoch haben viele eine reelle Chance, sich durch zielstrebiges Training, Ausdauer, Aufmerksamkeit
und Disziplin zu einem guten Eishockey-Spieler zu entwickeln. Für diese harte Arbeit bekommt der Spieler eine mehr als großzügige Entschädigung: das unvergleichbare Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Mannschaft, besondere geistige und körperliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, begeisterungswürdige überraschende Bewegungsabläufe und echten Spaß bei der Bewältigung der sich ständig ändernden Aufgaben in der schönsten Sportart der Welt – beim Eishockey-Spiel!
mit freundlicher Unterstützung von
Olga Kreil, Dipl.-Pädagogin und Ergotherapeutin





